„Sehr star­ke Aus­wir­kun­gen des ärzt­li­chen Han­delns auf die Bevölkerungsgesundheit”

Die Coro­na­pan­de­mie hat den öffent­li­chen Gesund­heits­dienst in den Fokus des öffent­li­chen Inter­es­ses gerückt, da der Bevöl­ke­rung bewusst wur­de, wel­che Rele­vanz ein gut funk­tio­nie­ren­der öffent­li­cher Gesund­heits­dienst (ÖGD) für die Ein­däm­mung der Coro­na­pan­de­mie hat. Dar­über soll­te jedoch nicht ver­ges­sen wer­den, dass der Öffent­li­che Gesund­heits­dienst noch viel mehr Auf­ga­ben erfüllt, die eben­falls sehr wich­tig sind, auch wenn sie der­zeit nicht so sehr im öffent­li­chen Fokus ste­hen – etwa die Schul­ein­gangs­un­ter­su­chun­gen, bei denen ein früh­zei­ti­ger För­der­be­darf ermit­telt wer­den kann oder an die Auf­ga­ben im Sozi­al­psych­ia­tri­schen Dienst, in der Trink­was­ser­über­wa­chung und in der Hygie­ne­über­wa­chung der Kran­ken­häu­ser und Arzt­pra­xen. Wir spra­chen mit Dr. Ute Tei­chert vom Bun­des­ver­band der Ärz­tin­nen und Ärz­te des Öffent­li­chen Gesund­heits­diens­tes über die Per­spek­ti­ven im ÖGD für den Medizinernachwuchs.

 

Gesund­heits­äm­ter sind dezen­tral orga­ni­siert und befin­den sich in kom­mu­na­ler oder städ­ti­scher Hand. Wie groß ist die per­so­nel­le Vari­anz, mit der die Gesund­heits­äm­ter aktu­ell agie­ren kön­nen?
Lei­der gibt es seit 20 Jah­ren kei­ne bun­des­wei­te Sta­tis­tik mehr zu der Per­so­nal­aus­stat­tung in den Gesund­heits­äm­tern. Die Gesund­heits­äm­ter sind an die Kom­mu­nal- und Stadt­ver­wal­tun­gen ange­schlos­sen und daher sehr unter­schied­lich auf­ge­stellt. Da es auf Bun­des­ebe­ne bis­her auch kei­ne Vor­ga­ben zur not­wen­di­gen Aus­stat­tung gab, exis­tiert eine gro­ße Vari­anz. Erst jetzt in der Pan­de­mie gibt es erst­ma­li­ge Anhalts­zah­len. So soll zur Kon­takt­per­so­nen­nach­ver­fol­gung je ein Team mit fünf Per­so­nen pro 20.000 Ein­woh­ner vor­ge­hal­ten wer­den. Grund­sätz­lich kann man sagen, dass die All­roun­der in klei­ne­ren Gesund­heits­äm­tern bes­ser auf­ge­ho­ben sind und die Ärzt:innen, die sich spe­zia­li­sie­ren wol­len, eher in die grö­ße­ren Gesund­heits­äm­ter stre­ben sollten.

 

Wie schät­zen Sie den Bedarf ein?
Der­zeit ver­han­delt das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um mit den Län­dern und Kom­mu­nen über den „Pakt für den Öffent­li­chen Gesund­heits­dienst“, wie er im Koali­ti­ons­be­schluss zum Kon­junk­tur­pa­ket vom 3. Juni 2020 ange­kün­digt wor­den ist. Es soll vor allem die per­so­nel­le und tech­ni­sche Aus­stat­tung der Ge­sundheitsämter ver­bes­sert wer­den. In Aus­sicht gestellt wer­den ins­ge­samt 4 Mil­liarden Euro zur Moder­ni­sie­rung und bes­se­ren Per­so­nal­ge­win­nung des Öf­fent­lichen Gesund­heits­diens­tes. Vor die­sem Hin­ter­grund haben die kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de unter Feder­füh­rung des Deut­schen Land­kreis­ta­ges (DLT) in der ers­ten Juli­hälf­te eine Online-Umfra­ge unter den Gesund­heits­äm­tern zur Per­so­nal­si­tua­ti­on und digi­ta­len Aus­stat­tung durch­ge­führt. Ins­be­son­de­re die Fra­gen zur Per­so­nal­si­tua­ti­on sind undif­fe­ren­ziert und des­halb auch unge­eig­net, vali­de Aus­sa­gen zur tat­säch­li­chen Per­so­nal­la­ge und zum zukünf­ti­gen Per­so­nal­be­darf im ÖGD zutref­fen. Inso­fern sind die Ergeb­nis­se der DLT-Umfra­ge zur Per­so­nal­si­tua­ti­on kei­ne sinn­vol­le Ent­schei­dungs­grund­la­ge, da sie kei­ne vali­de Da­tengrundlagen hat.
In der Rea­li­tät wird schon seit vie­len Jah­ren, wie vor der Pan­de­mie, auf eine chro­ni­sche Unter­be­set­zung des ÖGD hin­ge­wie­sen. Schaut man sich die Alters­struk­tur der Fachärzt:innen für das Öf­fentliche Gesund­heits­we­sen an, so wird man fest­stel­len, dass im kom­men­den Jahr­zehnt etli­che Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in den Ruhe­stand gehen wer­den. Aller­dings muss man gar nicht all­zu weit in die Zukunft schwei­fen, wenn man einen Ein­druck von Per­spek­ti­ven im ÖGD bekom­men möch­te, man muss sich ledig­lich die vie­len Stel­len­an­zei­gen zum Bei­spiel im Deut­schen Ärz­te­blatt ansehen.

 

Was macht die Arbeit als Arzt oder Ärz­tin im ÖDG aus Ihrer Sicht so ein­zig­ar­tig und span­nend?
In einem Satz wür­de ich die Fra­ge mit der Viel­fäl­tig­keit der Auf­ga­ben, die inter­pro­fes­sio­nel­le Her­an­ge­hens­wei­se und Zusam­men­ar­beit, die erfor­der­li­che Fle­xi­bi­li­tät und die sehr star­ken Aus­wir­kun­gen des ärzt­li­chen Han­delns auf die Be­völkerungsgesundheit beantworten.

 

Ein Vor­ur­teil lau­tet, die Arbeit im ÖGD sei lang­wei­lig.
Das ist tat­säch­lich eine über­haupt nicht zutref­fen­de Annah­me. Man benö­tigt ein umfang­rei­ches medi­zi­ni­sches Wis­sen, etwa für die Begut­ach­tun­gen. Hin­zu kom­men das Wis­sen um Ver­wal­tungs­struk­tu­ren, gesetz­li­che Grund­la­gen, Poli­tik und Manage­ment. Man hat es sowohl im Team, als auch bei den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern mit den unter­schied­lichs­ten Per­so­nen und Anspruchs­grup­pen zu tun. Hier kann man sein Wis­sen und sei­nen Erfah­rungs­schatz stän­dig erwei­tern. Die inhalt­li­che Aus­rich­tung der Gesund­heits­äm­ter rich­tet sich auch nach der Grö­ße des Amtes. So wer­den in Groß­städ­ten oft­mals spe­zi­el­le Ange­bo­te vor­ge­hal­ten, wie bei­spiels­wei­se in Frank­furt die Huma­ni­tä­re Sprech­stun­de für Men­schen ohne Kran­ken­ver­si­che­rung. In an­deren Regio­nen exis­tie­ren dann viel­leicht spe­zi­fi­sche Ange­bo­te für Nicht­sess­haf­te, auch Bera­tun­gen für Kin­der und Jugend­li­che, oder auf­su­chen­de Hil­fen für Psy­chisch Kran­ke, um nur eini­ge Ange­bo­te zu nen­nen. Hier ist die Spann­brei­te groß, das gilt auch ins­be­son­de­re für Ange­bo­te zur Gesund­heits­för­de­rung und Prävention.

KIn­der- und Jugend­me­di­zin gehört mit zu den Auf­ga­ben des ÖGD

Ein Malus, mit dem die Ärzt:innen im ÖGD zu kämp­fen haben, ist die im Ver­gleich schlech­te­re Bezah­lung. Haben Sie die Hoff­nung, dass sich die­se ändert?
Ange­stell­te Ärz­tin­nen und Ärz­te im öffent­li­chen Gesund­heits­dienst wer­den we­sentlich schlech­ter bezahlt als in Kran­ken­häu­sern oder bei Begut­ach­tungs­stel­len wie dem Medi­zi­ni­schen Dienst der Kran­kenversicherung. Aber Ärzt:innen im ÖGD neh­men wich­ti­ge Auf­ga­ben im Gesund­heits­we­sen war und decken ein brei­tes Spek­trum mit hoher Ver­ant­wor­tung für den Gesund­heits­schutz der Bevöl­ke­rung und den Schutz der Umwelt ab. Für die­se beruf­li­che Tätig­keit gibt es eine gleich­wer­ti­ge Qua­li­fi­ka­ti­on wie die für Fach­ärz­tin­nen und ‑ärz­te in Kli­ni­ken oder Pra­xen. Fakt ist aber: Ärz­tin­nen und Ärz­te aus Kran­ken­häu­sern, die ins Ge­sundheitsamt wech­seln wol­len wer­den dort erheb­lich schlech­ter bezahlt als vor­her. Inso­fern wird die drin­gend benö­tig­te Nach­wuchs­ge­win­nung nur dadurch zu errei­chen sein, dass man durch einen arzt­spe­zi­fi­schen Tarif­ver­trag Ärz­tin­nen und Ärz­te im ÖGD mit ihren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in den Kran­ken­häu­sern und im Medi­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­kas­sen gleich­stellt. Nur so wird es mög­lich wer­den, jun­gen Fach­ärz­tin­nen und Fach­ärz­ten im ÖGD ähn­li­che Zu­kunftsperspektiven zu eröff­nen, wie dies im Kran­ken­haus oder beim MDK selbst­ver­ständ­lich ist. Es wäre scha­de, wenn zwar neue Stel­len geschaf­fen und finan­ziert wer­den, die­se jedoch man­gels Attrak­ti­vi­tät und schlech­ter Bezah­lung nicht nach­be­setzt wer­den könnten.

 

Im Pakt für den ÖGD ist aus­drück­lich vor­ge­se­hen, dass die Bezah­lung ver­bes­sert wird, dafür sol­len die Mit­tel auch ein­ge­setzt wer­den.
Rich­ti­ge Per­so­nal­ver­stär­kung kann nur in Kom­bi­na­ti­on mit attrak­ti­ver Bezah­lung gelin­gen. Das müs­sen auch die kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber begrei­fen. Jen­seits der enor­men Arbeits­be­las­tung in der Pan­de­mie bedeu­tet die Arbeit im ÖGD auch die Plan­bar­keit der Arbeits­zeit mit frei­en Wochen­en­den. Das ist ein Zuge­winn an Lebens­qua­li­tät, den man mone­tär sicher­lich nur schwer bezif­fern kann. Hier muss letzt­end­lich jeder selbst ent­schei­den, wie­viel ihm die­se Lebens­qua­li­tät wert ist.

 

An wel­chen Stel­len ist die Wei­ter­bil­dung zum Fach­arzt für den ÖGD in Ihren Augen beson­ders reiz­voll?
An allen Stel­len. Her­vor­zu­he­ben ist ins­be­son­de­re der sechs­mo­na­ti­ge Wei­ter­bil­dungs­kurs der Aka­de­mie für Öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen Düs­sel­dorf. Er um­fasst sechs Modu­le mit den The­men­schwer­punk­ten Orga­ni­sa­ti­on, Manage­ment, Rechts­grund­la­gen und all­ge­mei­ne Kom­pe­ten­zen, Epi­de­mio­lo­gie, Gesund­heits­be­richt­erstat­tung, Gesund­heits­pla­nung, Gesund­heits­för­de­rung und Krank­heits­prä­ven­ti­on, Gesund­heits­schutz, Me­di­zinische Begut­ach­tung im Öffent­li­chen Gesund­heits­dienst (ÖGD) und Sozi­al­me­di­zin, Sozi­al­päd­ia­trie, Sozi­al­psych­ia­trie. Die­ser Wei­ter­bil­dungs­kurs basiert auf einem bun­des­weit ein­heit­li­chem Cur­ri­cu­lum, das mit den Wei­ter­bil­dungs­stel­len der Bun­des­län­der, die noch kei­ne Trä­ger­län­der der Aka­de­mie sind, abge­stimmt ist.
Die Teil­nah­me an einer theo­re­ti­schen Fach­arzt­wei­ter­bil­dung ist in der Wei­ter­bil­dungs­ord­nung der Lan­des­ärz­te­kam­mer fest­ge­legt. Auch die zu ver­mit­teln­den Inhal­te sind in einem Cur­ri­cu­lum fest­geschrieben. Der Wei­ter­zu­bil­den­de be­kommt somit sys­te­ma­tisch das kom­plet­te theo­re­ti­sche Wis­sen – Begut­ach­tung, KJGD, GBE, Hygie­ne, Infek­ti­ons­schutz und Umwelt­me­di­zin – ver­mit­telt, sodass er spä­ter in jedem Fach­be­reich des Gesund­heits­am­tes ein­ge­setzt wer­den kann – unab­hän­gig von sei­ner vor­he­ri­gen kli­ni­schen Aus­bil­dung. Die­se Art der theo­re­ti­schen Wis­sens­ver­mitt­lung ist unter den FA-Aus­bil­dun­gen einzigartig.

 

Die Wei­ter­bil­dung zum Fach­arzt für den ÖGD geht ein­her mit einer Anstel­lung beim Gesund­heits­amt. Aber längst nicht alle Gesund­heits­äm­ter bie­ten auch die Wei­ter­bil­dung an.
Es muss eine Wei­ter­bil­dungs­er­mäch­ti­gung für die Weiterbilder:innen vor­lie­gen und eine für die Wei­ter­bil­dungs­stät­te, also das Gesund­heits­amt selbst. Die­se Ermäch­ti­gun­gen erhält man von der jewei­li­gen Lan­des­ärz­te­kam­mer, so­fern bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Hier­zu gehört auch das Vor­han­den­seins eines Stell­ver­tre­ters für die Wei­ter­bil­dung. Auf­grund der dün­nen Per­so­nal­de­cke in man­chen Ämtern kann es je­doch mög­lich sein, dass ein sol­cher fehlt und damit die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen zum Ertei­len der Wei­ter­bil­dungs­be­fug­nis nicht vorliegen.

 

Wäre es nicht sinn­voll, wenn sich Gesund­heits­äm­ter stär­ker öff­nen wür­den für Famu­la­tu­ren und PJ-Abschnit­te, um mehr Berüh­rungs­punk­te zu schaf­fen?
Ja, das ist sinn­voll und es gibt schon ent­spre­chen­de Modell­pro­jek­te, bei­spielswei­se aus dem Gesund­heits­amt Frank­furt, in dem man das Wahl­fach des PJ im Gesund­heits­amt absol­vie­ren kann. Stu­die­ren­de soll­ten schon wäh­rend des Stu­di­ums Kennt­nis über den ÖGD erhal­ten. Laut Bun­des­ärz­te­ord­nung sind Ärzt:in­nen der Gesund­heit des ein­zel­nen Men­schen und zugleich bevöl­ke­rungs­me­di­zi­nisch ver­pflich­tet. In der Rea­li­tät ist das Medi­zin­stu­di­um aber haupt­säch­lich indi­vi­dual­me­di­zi­nisch aus­ge­rich­tet. Dies könn­­te durch die Auf­nah­me eines Faches „Öffent­li­che Gesund­heit“ und von bevöl­ke­rungs­me­di­zi­ni­schen Inhal­ten im Medi­zin­stu­di­um geän­dert wer­den. Öffent­li­che Gesund­heit und Bevöl­ke­rungs­me­di­zin müs­sen in den Lehr­plä­nen der medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten ver­an­kert werden.

 

Wie genau ist die Wei­ter­bil­dung struk­tu­riert?
Für die Fach­arzt­wei­ter­bil­dung muss man 36 Mona­te Erfah­run­gen in ande­ren Ge­bieten der unmit­tel­ba­ren Patientenversor­gung gesam­melt haben und 6 Mona­te Erfah­rung in Psych­ia­trie und/oder Psy­cho­the­ra­pie. In der wei­te­ren Wei­ter­bil­dungs­zeit ist man 18 Mona­te in einer Ein­rich­tung des Öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens, davon 9 Mona­te an einem Gesund­heits­amt tä­tig und absol­viert den 6 Mona­te dau­ern­den theo­re­ti­schen Wei­ter­bil­dungs­kurs an der Aka­de­mie für Öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen. Einem Fach­arzt für ÖGD ste­hen auf­grund sei­ner Vor­er­fah­run­gen in ande­ren Gebie­ten der Pati­en­ten­ver­sor­gung We­ge zurück in die Kli­nik offen.

 

Wer eig­net sich für den Quer­ein­stieg in den ÖGD?
Der Quer­ein­stieg kann sinn­vol­ler­wei­se von jeder Per­son erwo­gen wer­den, die min­des­tens 36 Mona­te in der unmit­tel­ba­ren Pati­en­ten­ver­sor­gung tätig war. Mitt­ler­wei­le kann man in vie­len Ämtern die Zeit der psych­ia­tri­schen Wei­ter­bil­dung zum Teil im Amt selbst absol­vie­ren. Als Fach­arzt für das Öffent­li­che Gesund­heits­we­sen muss man nicht zwangs­läu­fig in einem Gesund­heits­amt arbei­ten. Man kann auch die Aus‑, Fort- und Wei­ter­bil­dung für den gesam­ten ÖGD an der Aka­de­mie mit­ge­stal­ten. Alter­na­tiv kann man bei den Bezirks­re­gie­run­gen oder Minis­te­ri­en tätig wer­den, um nur eini­ge wei­te­re Tätig­keits­fel­der außer­halb eines Gesund­heits­am­tes zu nennen.

 

Die Mit­ar­beit oder sogar Lei­tung eines Gesund­heits­am­tes bedeu­tet, in eine Ver­wal­tung ein­ge­bun­den zu sein. Die damit ver­bun­de­nen Manage­ment­auf­ga­ben könn­ten für man­che Ärzt:innen abschre­ckend wir­ken, wenn sie dies als ver­lo­re­ne Zeit an Patient:innen sehen. Sind die­se Befürch­tun­gen begrün­det?
Nein, die Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten sind nicht umfang­rei­cher als bei nie­der­ge­las­se­nen oder in der Kli­nik täti­gen Ärzt:in­nen. Aller­dings soll­te man, um in einer Ver­wal­tung effek­tiv arbei­ten zu kön­nen, min­des­tens etwas Grund­wis­sen über das Ver­wal­tungs­recht und Verwaltungsverfah­ren haben. Dies erlangt man aber auch im Wei­ter­bil­dungs­kurs der Aka­de­mie. Auch in der kli­ni­schen Pra­xis muss ich mich gut selbst orga­ni­sie­ren kön­nen und mana­gen. Aller­dings bin ich dort häu­fig fremd­be­stimmt. Sei es vom Pati­en­ten­auf­kom­men oder von hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren. Im ÖGD habe ich eine grö­ße­re Auto­no­mie in der Pla­nung und Struk­tu­rie­rung mei­ner Arbeitsabläufe.

 

Wel­cher Typus Mensch fin­det im ÖGD sei­ne Erfül­lung?
Als Mensch soll­te man das Inter­es­se für die Prä­ven­ti­on von Krank­hei­ten mit­brin­gen, man soll­te kom­mu­ni­ka­tiv sein und die Bereit­schaft zur inter­dis­zi­pli­nä­ren Zusam­men­ar­beit mit­brin­gen. Fle­xi­bel und offen für neue Auf­ga­ben sowie der Wunsch sich für die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung zu enga­gie­ren sind auch gute Vor­aus­set­zun­gen. Man muss wis­sen, dass man mit Poli­tik zu tun hat und in der Poli­tik­be­ra­tung auch tätig sein wird. Das sehen wir ja gera­de sehr stark in der Pandemie.

 

Glau­ben Sie, dass die media­le und gesell­schaft­li­che Auf­merk­sam­keit für den ÖDG nach Coro­na wie­der abfla­chen wird oder wird die hohe Wert­schät­zung und das Wis­sen um die Bedeu­tung des ÖGD blei­ben?
In der Pan­de­mie ist der ÖGD vor allem auf Per­so­nal­ver­stär­kung in den Gesund­heits­äm­tern ange­wie­sen. Dabei muss berück­sich­tigt wer­den, dass neben der Nach­ver­fol­gung von Kon­takt­per­so­nen auch ande­re Auf­ga­ben wie bei­spiels­wei­se Kin­der- und Jugend­me­di­zin, Bera­tung- und Betreu­ungs­an­ge­bo­te für psy­chisch kran­ke Men­schen sowie Trink­was­ser­über­wa­chung auf­recht­erhal­ten wer­den müs­sen. Eine der wich­tigs­ten „les­sons lear­ned“ aus der Pan­de­mie ist ja gera­de, dass der ÖGD wei­ter gestärkt wer­den muss. Und das nicht nur zu Pan­de­mie­zei­ten. Um sei­ne wich­ti­gen Auf­ga­ben für den Schutz der Bevöl­ke­rung zur erfül­len, muss der ÖGD als eine tra­gen­de drit­te Säu­le im Gesund­heits­sys­tem und in der prä­ven­ti­ven Gesund­heits­ver­sor­gung in Deutsch­land, auch über die Pan­de­mie hin­aus, ver­an­kert wer­den.
Daher hof­fe ich, dass nach Abklin­gen der Pan­de­mie die hohe Wert­schät­zung und das Wis­sen um die Bedeu­tung des ÖGD in der Bevöl­ke­rung nicht wie­der ver­schwin­den und das kol­lek­ti­ve Ge­dächtnis bes­ser funk­tio­niert. In der Wahr­nehmung der Öffent­lich­keit soll­te der ÖGD auch den Platz behal­ten, den er schon immer hat­te – näm­lich neben der ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Ver­sor­gung als drit­te wich­ti­ge und gleich­wer­ti­ge Säu­le des Öffent­li­chen Gesundheitswesens.


 

Dr. med. Ute Tei­chert stu­dier­te an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Bonn Human­me­di­zin. Seit 2001 ist sie Fach­ärz­tin für Öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen. Neben ihrer ehren­amt­li­chen Tätig­keit als Vor­sit­zen­de des Bun­des­ver­ban­des der Ärz­tin­nen und Ärz­te des Öffent­li­chen Gesund­heits­diens­tes e.V. ist sie seit 2014 Direk­to­rin der Aka­de­mie für Öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen in Düs­sel­dorf.

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