„Unsere Prothesen
sollen künftig vorausschauend über die
Cloud gewartet werden können.”
„Unsere Prothesen sollen künftig vorausschauend über die Cloud gewartet werden können.”

„Ottobock – Wir stehen für Tradition und Fortschritt“

Dass ein traditionelles Familienunternehmen, welches schon 100 Jahre existiert und zu einer weltbekannten Marke herangewachsen ist, nicht immer „altbacken“ oder in ihrem Denken festgefahren sein muss, beweist die Ottobock SE & Co. KGaA. Sie stehen nicht nur für ihre technischen Fortschritte innerhalb der Orthopädie, sondern auch für ihr nachhaltiges Geschäftskonzept. Wie genau das Healthcare-Unternehmen unserer Gesundheit, der Gesellschaft und der Umwelt einen Nutzen stiftet, erzählt uns der CEO Philipp Schulte-Noelle.

Herr Schulte-Noelle, welche Verantwortung für das Gemeinwohl tragen Unternehmen heute?
Unternehmen gestalten unsere Zukunft. Ihr Engagement prägt die Welt, in der die nächsten Generationen leben werden. Unternehmen sorgen für Beschäftigung und Einkommen. Durch Innovationen und Investitionen schaffen sie Mehrwert und Wohlstand. Und sie etablieren Umwelt- und Sozialstandards in globalen Lieferketten.

Wie wichtig nachhaltiges Handeln von Unternehmen ist, erleben wir aktuell während der COVID-19-Pandemie. Kurzfristig mussten wir uns auf eine neue Situation einstellen. Ziele, Märkte und die Kultur von Unternehmen verändern sich. Die Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden und Gesellschaft aber bleibt. Deshalb brauchen wir unter anderem belastbare und transparente Strukturen, nachhaltige Lieferketten, Mechanismen zur Qualitätssicherung und digitale Angebote für die Aus- und Weiterbildung. Umso wichtiger ist es, den Weg zu mehr Nachhaltigkeit systematisch weiterzugehen und Erkenntnisse aus der Krise für unsere Zukunft abzuleiten.

Welche Bedeutung hat nachhaltiges Wirtschaften für Ottobock heute und welchen Weg sind Sie dafür gegangen?
Seit mehr als 100 Jahren steht Ottobock für Tradition und Fortschritt. Wir übernehmen seitdem Verantwortung für unsere Mitarbeiter, Anwender und Kunden. Innovationen und technologischer Fortschritt für mehr Lebensqualität unserer Anwender waren und sind die treibenden Kräfte für unser Wachstum.

Seit 2015 sind wir Mitglied im UN Global Compact und veröffentlichen jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht. Gerade in den vergangenen Jahren hat das Interesse der Stakeholder an unseren unternehmerischen Tätigkeiten und deren Auswirkungen enorm zugenommen. Mitarbeiter fragen, was ihr Arbeitgeber für die Umwelt und die Gesellschaft tut. Bewerber, Kunden und Investoren beziehen Nachhaltigkeitsfaktoren in ihre Entscheidungen ein.

Uns ist bewusst, dass die Nachhaltigkeit integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein muss. Aus diesem Grund bringt sich die Geschäftsführung intensiv ein. Wir betrachten Nachhaltigkeit nicht losgelöst, sondern verankern sie in allen relevanten Bereichen des Unternehmens. 2019 haben wir eine Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt. Darauf basierend haben wir in diesem Jahr strategische und messbare Ziele definiert. Ein Steuerkreis aus Vertretern verschiedener Abteilungen wie Einkauf, HR oder Operations setzt die Nachhaltigkeitsstrategie um, entwickelt sie weiter und überwacht den Fortschritt mit Blick auf die Ziele.

Philipp Schulte-Noelle ist seit August 2018 in der Geschäftsführung von Ottobock und Mitglied des Verwaltungsrats. In seiner Position als CEO verantwortet er seit November 2018 unter anderem die Bereiche Legal, Corporate Strategy und M&A, Human Resources und Communications, die Digitale Agenda sowie die Geschäftsfelder Human Mobility und Ottobock Industrials.

Bevor Schulte-Noelle zu Ottobock kam, war er beim internationalen Gesundheitsunternehmen Fresenius SE & Co. KGaA zunächst Bereichsleiter für Corporate Business Development / Mergers & Acquisitions und zuletzt Finanz- und Compliancevorstand sowie Arbeitsdirektor beim Pharma- und Medizintechnikunternehmen Fresenius Kabi AG mit Sitz in Bad Homburg. Einschlägige Erfahrungen sammelte Schulte-Noelle zuvor bei der Permira Beteiligungsberatung GmbH in Frankfurt sowie als Financial Analyst bei der Investmentbank Goldman Sachs International in London.
Der gebürtige Kölner ist Diplom-Wirtschaftsjurist (Universität Bayreuth) und verfügt über einen MBA von der internationalen Graduate Business School INSEAD

Was empfinden Sie persönlich, wie gut wir unterwegs sind zu einer Welt, die behutsamer mit dem Leben und den Ressourcen auf dem Planeten umgeht?
Wir achten heute vielmehr auf unser Handeln als noch vor zehn Jahren. Durch die Globalisierung ist die Welt näher zusammengerückt. Wir alle spüren die Folgen der Erderwärmung oder sehen in den Medien wie die Produktionsbedingungen von Textilien in Südostasien sind. Und das ist gut so. Je größer das Wissen über Missstände ist, desto größer ist der Druck zu handeln.

Die Schülerproteste um Fridays for Future befeuern die Klimaschutzdebatte. Wenn auf der ganzen Welt junge Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Zukunft zu demonstrieren, dann erreichen sie eine enorme Aufmerksamkeit.

Zwar können wir von heute auf morgen nicht sofort alles verändern. Aber es ist wichtig, dass wir Prozesse überdenken, in die Forschung und Entwicklung ressourcenschonender Technologien investieren und uns unserer Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen bewusst sind. Wir müssen uns mit der Herkunft von Ressourcen sowie deren Verarbeitung, Entsorgung und Transport auseinandersetzen. Gleiches gilt für die Menschenrechte und Arbeitsbedingungen weltweit. Viele Unternehmen tun dies bereits und engagieren sich über den gesetzlichen Rahmen hinaus. Wir wollen eines davon sein. Es gibt viele gute Ideen von Unternehmern, Mitarbeitern, Ingenieuren und Entwicklern. Wir müssen den Mut haben, neue Wege zu gehen.

Können Sie den Lesern konkrete Beispiele dafür nennen wie Ihre Produkte die Menschen in ihrer Gesundheit, der Bildung oder anderen Lebensbereichen unterstützen?
Für uns ist Lebensqualität eng mit individueller Freiheit und Selbstständigkeit verbunden. Deswegen helfen wir Menschen, ihre Bewegungsfreiheit zu erhalten oder zurückzuerlangen. Das tun wir mir innovativen Produkten und Technologien. Wir versuchen, die Welt mit den Augen unserer Anwender:innen und Patienten:innen zu sehen: mit Respekt, Mut und Hingabe.

Künstliche Intelligenz ist ein gutes Beispiel: Früher mussten Menschen mit einer Amputation aufwendig lernen, ihrer Prothese komplexe Signale über Muskelkontraktionen zu geben. Heute lernen Prothesen von ihren Anwendern und Anwenderinnen. Dank Elektroden, die Biosignale im Unterarmstumpf erfassen und Algorithmen, die die Signale verarbeiten, können Prothesen eine gewünschte Bewegung identifizieren und automatisch der richtigen Handbewegung zuordnen.  Das ermöglicht eine intuitive Steuerung und mehr Teilhabe in Alltag und Beruf.

Die Orthese C-Brace ist eine Versorgungslösung bei neurologischen Krankheiten wie beispielsweise Schlaganfall. Sensoren im Kniegelenk analysieren die Bewegungen, senden Informationen an die Mikroprozessoren in der Orthese und unterstützen somit den Anwender beim Gehen.

Gibt es Produkte, die Sie in der Pipeline haben und die zukünftig einen wertvollen ökologischen, technologischen oder gesellschaftlichen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit und Allgemeinwohl leisten können?
Die Zukunft ist digital. Unsere Prothesen sollen künftig vorausschauend über die Cloud gewartet werden können. Sofern der Anwender/ die Anwenderin einwilligt, können wir mögliche Fehlerquellen so frühzeitig erkennen oder über Datenanalyse das Produkt optimieren. Bis 2022 investieren wir mindestens 50 Millionen Euro in die Digitalisierung unseres Geschäfts. Dazu zählt die additive Fertigung mittels 3D-Druck, die Materialverwurf im Vergleich zur konventionellen Fertigung senkt und gleichzeitig mehr Zeit am Patienten schafft. Auch bei orthopädischen Diagnosen werden wir helfen: Ein mit Sensoren ausgestattetes System stellt schon heute anhand weniger Kniebeugen fest, welchen Arthrosegrad ein Patient hat und unterstützt bei der Wahl des passenden Hilfsmittels.

Für Berufseinsteiger ist die Frage, wie sinnstiftend sie in ihrem Beruf arbeiten können, eine ganz zentrale. Welche Vision von Zukunft können Sie für diejenigen entwerfen, die Sie dabei begleiten möchten?
Unsere Ottobock Vision ist es, eine Infrastruktur zu schaffen, die Menschen weltweit den Zugang zu Versorgungslösungen ermöglicht. Etwa eine Milliarde Menschen benötigen ein Hilfsmittel. Doch gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern haben nur wenige Menschen den entsprechenden Zugang. Wir arbeiten daher mit internationalen Partnern zusammen, um die Versorgung mit Prothesen, Orthesen und Rollstühlen vor Ort zu stärken. Außerdem investieren wir in die Weiterbildung von Orthopädietechnikern:innen weltweit. Die beste Technik hilft nicht, wenn keine Orthopädietechniker:innen vor Ort sind, die die Versorgung vornehmen können.

Wie wichtig ist es für Sie persönlich, dass Arbeit sinnstiftend sein muss?
Menschen können selbst dann arbeiten, wenn sie den Sinn nicht erkennen. Allerdings bringen sie dann selten Höchstleistungen und ihre Motivation ist spürbar geringer oder nicht langanhaltend. Der Sinn einer Tätigkeit ist ausschlaggebend für das Resultat. Wir haben das Privileg, immer wieder mit dem Ergebnis unserer Arbeit in Kontakt zu kommen. Gespräche mit unseren Anwendern und Patienten sind die beste Triebfeder. Dabei sehen, hören und spüren wir den Mehrwert unserer Produkte und damit unseres Handelns.

Wie geht man in Ihrem Unternehmen miteinander um?
Menschlich, verlässlich, erfinderisch – das sind die Unternehmenswerte von Ottobock. Sie bilden die Basis für unseren Alltag im Unternehmen. Unsere Werte treiben uns. In Zeiten der COVID-19-Pandemie sind wir noch näher zusammengerückt. Unser Leitbild: Wir planen vorausschauend, handeln angemessen und kommunizieren transparent. Jeder Mitarbeiter übernimmt bei Ottobock Verantwortung und gestaltet so die Unternehmenskultur aktiv mit. Während der Pandemie haben unsere Auszubildenden Mund-Nasen-Masken genäht und unterstützten damit das Arbeiten in Zeiten von „Social Distancing“ in der Fertigung. Aktuell kehren weltweit wieder erste Beschäftigte zurück in ihre Büros, unter Einhaltung der geltenden medizinischen Restriktionen. Unsere Mitarbeiter sind erleichtert, auf ihre Kollegen und unsere Anwender zu treffen. So haben unsere indischen Kollegen beispielsweise über die Social Media Kanäle ein Video veröffentlicht, indem sie voller Freude darüber berichten, dass die Versorgungszentren wieder geöffnet werden.

Wie sollte die Welt in 10 Jahren aussehen und was sind die größten Herausforderungen auf diesem Weg?
Seit über 100 Jahren ist unsere Mission „quality for live“. Unser Ziel ist es, die Lebensqualität unserer Anwender zu erhöhen und ihnen einen unabhängigen Alltag zu ermöglichen. Diese Mission werden wir weiterverfolgen.  Aktuell sehen wir, wie schwierig es ist, detaillierte Zukunftsprognosen aufzustellen. Mit der COVID-19-Pandemie mussten wir uns kurzfristig auf neue Gegebenheiten einstellen. Ziele, Märkte und die Kultur von Unternehmen werden sich verändern. Flexibilität ist wichtiger denn je. Es zahlt sich aus, nicht nur alten Mustern zu folgen, sondern neue Tätigkeitsfelder zu erschließen und Wege zu beschreiten. Eine Herausforderung besteht darin, Wirtschaft und Nachhaltigkeit zu vereinbaren. Auch wenn Unternehmen kurzfristig ihre wirtschaftlichen Ziele anpassen müssen, sind wir alle angehalten, unseren Beitrag für die Zukunft zu leisten. Der Klimawandel wartet nicht.

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