Zurück auf Null

Der Unter­neh­mer Dirk Grat­zel hat sich ein ehr­gei­zi­ges Ziel gesetzt: Er will am Lebens­en­de auf eine voll­stän­dig aus­ge­gli­che­ne Öko­bi­lanz zurück­bli­cken kön­nen. Wie lässt sich das in einer sich immer schnel­ler dre­hen­den Welt bewerk­stel­li­gen? Und wie sieht ein wirk­lich nach­hal­ti­ger Lebens­stil über­haupt aus? Im Gespräch mit 100toparbeitgeber berich­tet Grat­zel über die Her­aus­for­de­run­gen, die sei­ne Ent­schei­dung mit sich brach­te, aber auch über den Gewinn an Lebensqualität.

Herr Grat­zel, Sie haben vor Ihrer Ent­schei­dung kei­nen wirk­lich nach­hal­ti­gen Lebens­stil geführt, sind viel geflo­gen und mit dem Auto gefah­ren. Gab es ein Schlüs­sel­er­eig­nis, dass Sie zum Umden­ken ver­an­lasst hat?
Nein, das war mehr ein län­ge­rer Pro­zess. Eine Art reli­giö­ses Erwe­ckungs­er­eig­nis, also dass ich mor­gens wach­ge­wor­den bin mir schlag­ar­tig bewusst gewor­den ist, dass sich etwas grund­le­gend ändern muss, gab es nicht (lacht). Mei­ne Ent­schei­dungs­fin­dung speis­te sich aus drei Quel­len: Zum einen die ver­füg­ba­re Men­ge an Infor­ma­tio­nen zur öko­lo­gi­schen Situa­ti­on unse­res Pla­ne­ten. Gera­de in den letz­ten zwan­zig Jah­ren ist das The­ma Nach­hal­tig­keit immer mehr ins Bewusst­sein der Men­schen gerückt, und die­se Ent­wick­lung ging natür­lich auch an mir nicht spur­los vor­über. Zum zwei­ten habe ich bei mei­nen Kin­dern einen Lebens­stil beob­ach­tet, der auch ohne mate­ri­el­le Güter die glei­che Lebens­qua­li­tät ermög­licht wie ich sie lan­ge mit mei­nem doch recht üppi­gen Lebens­stil hat­te. Das hat mich sehr nach­denk­lich gemacht. Und drit­tens ver­brin­ge ich als pas­sio­nier­ter Jäger sehr viel Zeit in der Natur und habe mich gefragt, wel­chen Bei­trag ich eigent­lich zu ihrer Bewah­rung leis­te. Die Ant­wort dar­auf fiel sehr nüch­tern aus. All das hat zu mei­ner Ent­schei­dung beigetragen.

Eine belieb­te Metho­de zur Bestim­mung des öko­lo­gi­schen Fuß­ab­drucks sind CO2-Rech­ner. Wie sah denn Ihre CO2-Bilanz zu die­sem Zeit­punkt aus, gera­de im Ver­gleich zum Durch­schnitt?
Der durch­schnitt­li­che Deut­sche emit­tiert laut Zah­len des Umwelt­bun­des­amts jähr­lich etwa zwölf Ton­nen CO2, in mei­ner Hei­mat in Nord­rhein-West­fa­len liegt der Wert mit um die 13,5 Ton­nen etwas höher. Ich war damals für knapp 28 Ton­nen Emis­sio­nen jähr­lich ver­ant­wort­lich, auf mein gan­zes Leben auf­sum­miert waren das 1.150 Ton­nen. Nur zum Ver­gleich: Die UN schätzt, dass pro Mensch und pro Jahr nur etwa 1,5 Ton­nen CO2-Emis­si­on öko­lo­gisch ver­träg­lich sind. So gese­hen hat­te ich also gewis­ser­ma­ßen für 13 Men­schen gelebt und Res­sour­cen verbraucht. 

Eine Ent­schei­dung zu tref­fen, ist das eine. Aber wie sahen Ihre ers­ten Schrit­te zur Errei­chung Ihres Ziels aus?
Rich­tig, das war in ers­ter Linie eine Ent­schei­dung und kein wohl­durch­dach­tes Vor­ha­ben. Zu dem Zeit­punkt war ich mir weder der Kon­se­quen­zen die­ser Ent­schei­dung noch des Umstan­des bewusst, dass das etwas Beson­de­res ist. Mir war durch­aus klar, dass mich das eini­ges an Zeit, Geld und Ener­gie kos­ten wür­de – aber, dass es sich tat­säch­lich um eine Pio­nier­tat han­del­te, habe ich nicht erwar­tet. Auf etwai­ge Vor­er­fah­run­gen konn­te ich mich nicht stüt­zen, ich befand mich in vie­ler­lei Hin­sicht auf Neuland.

Mein ers­ter Schritt war – ganz klas­sisch – die Goog­le-Suche. Nach­dem ich nach etli­chen Stun­den der Recher­che fest­ge­stellt habe, dass es für einen voll­stän­di­gen Aus­gleich der eige­nen Öko­bi­lanz schlicht noch kei­ne Kon­zep­te gab, habe ich sämt­li­che Ämter, Ver­ei­ne und Orga­ni­sa­tio­nen kon­tak­tiert, die mir zum The­ma Nach­hal­tig­keit ein­fie­len: Green­peace, WWF, den NABU, das Umwelt­bun­des­amt und etli­che ande­re. Die Reso­nanz war durch die Bank posi­tiv, aber auch hier lagen kei­ner­lei Plä­ne in den Schub­la­den, wie ein kom­plet­ter Aus­gleich der Öko­bi­lanz zu bewerk­stel­li­gen ist. Da däm­mer­te mir das ers­te Mal, dass die Sache doch nicht so leicht wer­den wür­de wie anfangs gedacht.

Einen Rück­zie­her machen woll­te ich jedoch auf kei­nen Fall. Also habe ich mir pro­fes­sio­nel­le Unter­stüt­zung gesucht und Anfra­gen an Wis­sen­schaft­ler welt­weit geschickt, die sich mit dem The­ma Nach­hal­tig­keit beschäf­tig­ten. Da bekam ich auch post­wen­dend Ant­wort von Mat­thi­as Fink­bei­ner, Pro­fes­sor für Sus­tainab­le Engi­nee­ring an der TU Ber­lin, der gro­ßes Inter­es­se an mei­ner Idee zeig­te. Anschei­nend war ein der­ar­ti­ger Ansatz auch in der Wis­sen­schaft ter­ra incognita.

Und wel­che Ideen hat­ten Herr Fink­bei­ner und Sie?
Um eine Öko­bi­lanz zu ver­bes­sern, muss man erst ein­mal die aktu­el­le ermit­teln und die vor­aus­sicht­li­che Gesamt­bi­lanz zum Lebens­en­de unter Bei­be­hal­tung des momen­ta­nen Lebens­stils pro­gnos­ti­zie­ren. Das hieß in mei­nem Fall, all mei­ne 48 Lebens­jah­re bis ins letz­te Detail zu doku­men­tie­ren. Die CO2-Bilanz war dabei nur ein Fak­tor, der zusam­men mit Ver­saue­rung, Eutro­phie­rung, Ozon­ab­bau und Pho­tooxid­an­ten­bil­dung in die Rech­nung ein­be­zo­gen wer­den sollte.

Die bei­den wich­tigs­ten Indi­ka­to­ren waren dabei mein Kon­sum­ver­hal­ten und mein Besitz­stand. Als die Wis­sen­schaft­ler mit ihren Ideen an mich her­an­tra­ten, wur­de mir dann end­gül­tig bewusst, wel­cher Auf­wand auf mich zukom­men wür­de. Drei Mona­te lang muss­te ich alles minu­ti­ös pro­to­kol­lie­ren, was ich getan und kon­su­miert hat­te: Was und wie viel ich esse und trin­ke, wie ich hei­ze, wohin ich rei­se, was ich kau­fe, wie viel Abfall ich pro­du­zie­re. Teil­wei­se war es gar nicht so ein­fach her­aus­zu­fin­den, woher genau die ein­zel­nen Kom­po­nen­ten der von mir kon­su­mier­ten Pro­duk­te stam­men. Anfangs habe ich auch in Cafés und Restau­rants nach der genau­en Her­kunft der Gerich­te gefragt und sogar eine Küchen­waa­ge zur genau­en Bestim­mung der Men­ge mit­ge­nom­men – nach­dem das aber zwei­mal ver­ständ­li­cher­wei­se Irri­ta­tio­nen aus­ge­löst hat, habe ich davon schnell wie­der Abstand genom­men (lacht). Beson­ders das Inven­ta­ri­sie­ren war eine extrem auf­wen­di­ge Arbeit, für die ich vier gan­ze Wochen­en­den benö­tigt habe. Sie wür­den nicht glau­ben, was sich über die Jahr­zehn­te alles in einem Haus­halt ansam­melt. Nur als Bei­spiel: Allein in einem Auto befin­den sich zahl­rei­che Klei­nig­kei­ten wie Stif­te, CDs, Park­schei­be, Kopf­hö­rer und Warn­drei­eck. In der Sum­me kommt da eini­ges zusam­men. Durch die genaue Auf­lis­tung mei­nes Besitz­stands wur­de mir auch ein Stück weit die Absur­di­tät mei­nes eige­nen Lebens­stils vor Augen geführt.

All das war natür­lich erst ein­mal ein Hau­fen Arbeit. Aber nur so konn­ten die Wis­sen­schaft­ler eine annä­hernd prä­zi­se Ein­schät­zung mei­nes der­zei­ti­gen Lebens­stan­dards wagen. Mit dem vor­han­de­nen Daten­pa­ket konn­te mei­ne Öko­bi­lanz auf eine Genau­ig­keit von plus­mi­nus zwei Pro­zent taxiert wer­den, was für eine Lebens­zeit von 48 Jah­ren doch ein sehr genau­er Wert ist.

Wel­che Kon­se­quen­zen haben Sie aus der Erkennt­nis gezo­gen, dass Ihr Lebens­stil enorm umwelt­schäd­lich ist?
Ich bin Punkt für Punkt durch­ge­gan­gen, in wel­chem Bereich ich wel­che Ein­spa­run­gen machen könn­te. Gera­de die Ernäh­rung nimmt eine gro­ße Rol­le in der Öko­bi­lanz ein. Als begeis­ter­ter Koch habe ich mit Schre­cken zur Kennt­nis genom­men, dass etwa 40 Pro­zent der von mir ver­ur­sach­ten Boden­ver­saue­rung auf mein Ernäh­rungs­ver­hal­ten und dabei fast aus­schließ­lich den Kon­sum von tie­ri­schen Pro­duk­ten zurück­zu­füh­ren sind.

In Zusam­men­ar­beit mit dem NABU und dem WWF habe ich ein Maß­nah­men­pa­ket erstellt, um Ver­feh­lun­gen wie­der­gut­zu­ma­chen. Das bezog sich auf alle Lebens­be­rei­che, von der Ernäh­rung über Mobi­li­tät sowie Ener­gie- und Was­ser­ver­brauch hin zum Frei­zeit­ver­hal­ten. Dadurch konn­te ich mei­nen öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck um bis zu 80 Pro­zent reduzieren.

Was muss man sich unter die­sen Maß­nah­men kon­kret vor­stel­len?
Zum einen Inves­ti­tio­nen in die Wär­me­däm­mung mei­nes Hau­ses: Neue Türen und Fens­ter, zusätz­li­che Däm­mun­gen und eine Über­ar­bei­tung der Hei­zungs­an­la­ge. Zu einer signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­rung des Ener­gie­ver­brauchs kön­nen aber auch ver­meint­li­che Bana­li­tä­ten wie ein Topf­de­ckel beim Nudel­was­ser auf­ko­chen bei­tra­gen. Die Sum­me der Klei­nig­kei­ten ist beträchtlich.

Im Ver­gleich zu mei­nem vor­he­ri­gen Leben hat sich beson­ders der Bereich der Mobi­li­tät stark gewan­delt. Flie­gen fällt natür­lich zur Gän­ze weg, die meis­ten Kurz­stre­cken lege ich mit dem Fahr­rad oder E‑Bike oder auch zu Fuß zurück und mei­ne Pkw-Nut­zung konn­te ich um 90 Pro­zent redu­zie­ren. Für län­ge­re Stre­cken neh­me ich fast aus­schließ­lich den Zug.

In der Kon­se­quenz zur Erkennt­nis, die ich bezüg­lich mei­ner Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten gewon­nen habe, kon­su­mie­re ich fast kei­ne tie­ri­schen Pro­duk­te mehr. Die Aus­nah­men sind das Fleisch von selbst geschos­se­nen Tie­ren, die als öko­lo­gisch neu­tral gel­ten. Beim Kauf von Klei­dung, wobei es aller­dings meist um Ersatz­be­schaf­fung geht, ach­te ich auf zer­ti­fi­zier­te nach­hal­ti­ge Klei­dung, sowohl in öko­lo­gi­scher als auch in sozia­ler Hin­sicht. Inzwi­schen gibt es eine brei­te Palet­te an Pro­duk­ten, die aus Hanf oder Holz her­ge­stellt wer­den und ohne Plas­tik- oder syn­the­ti­sche Kom­po­nen­ten auskommen.

Ist ein der­ar­tig nach­hal­ti­ger Lebens­stil nicht letz­ten Endes ein gro­ßes Zuschuss­ge­schäft? Ich den­ke dabei vor allem an die Inves­ti­tio­nen in die Wär­me­däm­mung.
Grund­sätz­lich muss ich sagen, dass ich mei­nen jet­zi­gen Lebens­stil tat­säch­lich als güns­ti­ger emp­fin­de als mei­nen vor­he­ri­gen. Durch mei­nen redu­zier­ten Kon­sum spa­re ich ohne­hin Geld, und da ich beim Neu­kauf auf nach­hal­ti­ge Fer­ti­gungs­wei­sen ach­te, sind die Pro­duk­te zwar in der Anschaf­fung etwas teu­rer, hal­ten aber deut­lich län­ger – zumal ich sie gut pfle­ge. Auch Bahn­fah­ren ist letz­ten Endes bil­li­ger als die Fort­be­we­gung im SUV, den ich davor beses­sen habe. Natür­lich kön­nen bestimm­te Inves­ti­tio­nen, wie die ange­spro­che­nen Däm­mungs­maß­nah­men, hohe ein­ma­li­ge Kos­ten stel­len. Hier muss aber gesagt wer­den, dass die­se Inves­ti­tio­nen auch der zukünf­ti­gen Haus­be­sitz­er­ge­nera­ti­on zugu­te­kom­men, die von den ver­bes­ser­ten Bedin­gun­gen pro­fi­tiert. Das soll­te auch in die Rech­nung mit­ein­be­zo­gen werden.

Sie haben bereits Ihre Lie­be zum Kochen ange­spro­chen. Gibt es in die­ser Hin­sicht etwas, das Sie aus ihrem frü­he­ren Lebens­stil ver­mis­sen und viel­leicht auch noch manch­mal geneh­mi­gen?
Natür­lich haben sich mei­ne Ess­ge­wohn­hei­ten dahin­ge­hend ver­än­dert, dass ich inzwi­schen fast aus­schließ­lich vegan koche. Aller­dings bin ich kein apo­dik­ti­scher Ver­fech­ter mei­nes neu­en Lebens­stils, der kate­go­risch alles aus­schließt, was dem nicht ent­spricht. Ich wür­de zum Bei­spiel kein Gericht ver­wei­gern, dass mir ein Freund zube­rei­tet hat, nur weil Fleisch dar­in ent­hal­ten ist. Wirk­lich ver­mis­sen tue ich jedoch wenig. Ich sehe mei­ne neu­en Ess­ge­wohn­hei­ten weni­ger als Ein­schrän­kung und Ver­zicht denn als Chan­ce zur Ent­de­ckung von neu­em. Das gibt The­men, mit denen ich mich seit 50 Jah­ren beschäf­ti­ge, noch­mal eine ganz neue Perspektive.

Wie haben Freun­de, Fami­lie und Kol­le­gen auf ihren radi­ka­len Schritt reagiert?
Die Reso­nanz ist wirk­lich aus­ge­spro­chen posi­tiv. Vie­le sind zumin­dest inter­es­siert oder sogar begeis­tert von der Idee. Natür­lich endet das häu­fi­ger an der fast mani­schen Beses­sen­heit, mit der ich mein Ziel manch­mal ver­fol­ge: Das gan­ze Inven­tar akri­bisch auf­zu­lis­ten, kön­nen sich die wenigs­ten vor­stel­len – was auch ver­ständ­lich ist! (lacht) Den­noch hof­fe ich, mit mei­nem Lebens­wan­del viel­leicht auch ande­re zum Nach­den­ken ange­regt zu haben.

Natür­lich kön­nen die Aus­wir­kun­gen frü­he­re „Sün­den­fäl­le“ durch ein nach­hal­ti­ge­res Ver­hal­ten meist nur abge­schwächt wer­den. Gibt es auch eine Mög­lich­keit, aktiv Wie­der­gut­ma­chung zu betrei­ben und von sich aus zu einer tat­säch­lich posi­ti­ven Öko­bi­lanz bei­zu­tra­gen?
Die gibt es! Ich habe eine alte Berg­werks­bra­che in Reck­ling­hau­sen gekauft, deren Flä­che ich in einen öko­lo­gisch mög­lichst hoch­wer­ti­gen Zustand brin­gen will: Anstel­le des still­ge­leg­ten Berg­werks soll dort eine bewal­de­te Flä­che mit Feucht­bio­to­pen und ande­ren Offen­land­struk­tu­ren ent­ste­hen. Mein neu­es­tes Pro­jekt ist eine Streu­obst­wie­se mit his­to­ri­schen Obst­sor­ten. Hier ver­su­che ich – unter der Beob­ach­tung der Wis­sen­schaft­ler – gewis­ser­ma­ßen eine Haben-Sei­te mei­ner Öko­bi­lanz auf­zu­bau­en, um auf die­se Wei­se mei­ne in der Ver­gan­gen­heit ver­ur­sach­ten Schä­den wie­der­gut­zu­ma­chen. Natür­lich hof­fe ich, dass ich an mei­nem Lebens­en­de auf eine grü­ne Null zurück­bli­cken kann. Dafür müss­te ich aller­dings noch 30 wei­te­re Jah­re leben.

Kom­men wir noch­mal zurück zu Ihrer CO2-Bilanz: Wie ist denn Ihr momen­ta­ner Stand?
Mein jähr­li­cher CO2-Aus­stoß liegt, auch auf­grund von Coro­na, der­zeit bei etwa sechs Ton­nen, was natür­lich immer noch weit von den UN-Wün­schen von 1,5 bis zwei Ton­nen ent­fernt ist. Aller­dings sind der­ar­ti­ge Zah­len nach heu­ti­gem Stand in Deutsch­land nicht mög­lich, wenn man sich nicht voll­stän­dig aus der Gesell­schaft zurück­zie­hen will. In NRW etwa wird die Infra­struk­tur bei der Öko­bi­lan­zie­rung antei­lig der Ein­zel­per­son zuge­rech­net, das sind pro Kopf schon zir­ka eine Ton­ne. Wenn ich dann noch ein­mal die Woche warm duschen und in einer beheiz­ten Woh­nung leben will, bin ich schnell bei über zwei Tonnen.

Aus Ihrem Pro­jekt ist auch das gleich­na­mi­ge Unter­neh­men Greenzero.me her­vor­ge­gan­gen. Was bie­ten Sie dort an?
Greenzero.me berät Unter­neh­men, die sich stär­ker mit Nach­hal­tig­keit aus­ein­an­der­set­zen wol­len. Im Prin­zip durch­lau­fen sie den­sel­ben Pro­zess wie ich damals, wenn auch stark ver­dich­tet. So kön­nen sie ihre eige­ne Öko­bi­lanz ken­nen- und auch ver­ste­hen ler­nen und ihre Kol­le­gen an ihren Erfah­run­gen teil­ha­ben las­sen. Im Prin­zip ver­fol­gen wir ein Per­so­nal­ent­wick­lungs­kon­zept, das Füh­rungs­kräf­te im Unter­neh­men kom­pe­ten­ter in Bezug auf Nach­hal­tig­keits­the­men machen soll – und das funk­tio­niert nun mal am bes­ten am eige­nen Bei­spiel. Die­ses Kon­zept ist bis­her ein­zig­ar­tig, unse­re Kun­den sind nach mir gewis­ser­ma­ßen die zwei­ten, die auf die­se Art und Wei­se an Nach­hal­tig­keits­kom­pe­tenz gewin­nen. Mit DM haben wir bereits einen ers­ten gro­ßen Kun­den, und im Lauf des Jah­res wer­den wei­te­re renom­mier­te Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen fol­gen. Das Inter­es­se an mehr Nach­hal­tig­keit im eige­nen Unter­neh­men ist sehr hoch, und zwar bran­chen­über­grei­fend. An die­sem Pro­jekt lässt sich sehr gut beob­ach­ten, wie stark sich mei­ne ursprüng­lich pri­va­te Ent­schei­dung auch auf ande­re Lebens­be­rei­che aus­wirkt. Pri­va­tes und unter­neh­me­ri­sches Leben haben sich bei mir von Grund auf verändert.

Was kön­nen Sie jun­gen Leu­ten emp­feh­len, die eben­falls einen deut­lich nach­hal­ti­ge­ren Lebens­stan­dard pfle­gen wol­len?
Die jün­ge­re Genera­ti­on hat bereits jetzt eine sehr hohe Kom­pe­tenz in Nach­hal­tig­keits­fra­gen, ganz anders als ich in die­sem Alter. Daher den­ke ich nicht, dass ich als ehe­ma­li­ger öko­lo­gi­scher Rüpel ihnen vor­schrei­ben soll­te, wie sie zu leben haben. Eine wich­ti­ge Bot­schaft ist mir jedoch, dass ein nach­hal­ti­ge­rer Lebens­stil in kei­ner Wei­se zu Ein­bu­ßen der Lebens­qua­li­tät füh­ren muss, ganz im Gegen­teil: Mein Leben hat in einer Art und Wei­se an Qua­li­tät gewon­nen hat, die ich nicht für mög­lich gehal­ten hät­te, gera­de da mein vor­he­ri­ges Leben auch sehr gut war. Der Gewinn an Lebens­freu­de und ‑bewusst­sein, an Auf­merk­sam­keit für bestimm­te Din­ge, ist durch einen nach­hal­ti­gen Lebens­stil immens. Dafür lohnt sich auch ein biss­chen Anstren­gung hier und da.

Wür­den Sie also abschlie­ßend sagen, dass ihr Leben trotz Ver­zicht an Qua­li­tät gewon­nen hat?
Abso­lut! Ich fin­de den Begriff „Ver­zicht“ ohne­hin zu nega­tiv. Ich habe ein­fach Din­ge ver­än­dert und dabei ganz neue Ansät­ze ent­deckt. Die wich­tigs­ten Din­ge im Leben sind ohne­hin nicht quan­ti­fi­zier­bar oder mate­ri­ell. Das mag idea­lis­tisch klin­gen und hät­te bei mir vor fünf Jah­ren auch Kopf­schüt­teln aus­ge­löst, aber ich wür­de sagen, dass ich durch den direk­ten Ver­gleich an die­ser Stel­le heu­te schlau­er und auch deut­lich glück­li­cher und zufrie­de­ner bin.

Mehr zu Dirk Grat­zel und sei­nem Ziel fin­der ihr unter projekt-greenzero.de oder könnt es in sei­nem Buch nachlesen.

Text & Inter­view Maxi­mi­li­an Michel

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